Pflanzentinkturen und die Dosisfrage


Für Pflanzentinkturen galt über lange Zeit eine mittlere Dosierung von 3 mal täglich 20 – 25 Tropfen. Für Tinkturen mit grosser therapeutischer Breite, also mit grossem Abstand zwischen wirksamer und giftiger Dosis, wurden oft höhere Mengen empfohlen. Bei Pflanzen mit kleiner therapeutischer Dosis, also mit kleinem Abstand zwischen therapeutischer und giftiger Dosis, lag die Menge oft etwas tiefer.

Das galt, bis der Hersteller Ceres für seine Tinkturen die Behauptung aufstellte, dass sie 10 mal wirksamer seien als alle Produkte der Konkurrenz. Darum reiche eine Dosierung von 3 mal täglich 3 Tropfen. Für diese Behauptung legte der Ceres-Hersteller Kalbermatten bis heute keine auch nur ansatzweise fundierte Begründung vor. Der Kern seiner Begründung besteht darin, dass seine Tinkturen „wesenhaft“ sind und diejenigen der Konkurrenz nicht. Der von ihm gern verwendete Begriff vom „Wesen der Pflanzen“ und von der „Wesenhaftigkeit“ seiner Tinkturen tönt zwar tiefsinnig, ist aber höchst fragwürdig. Mehr zur Kritik der Rede vom „Wesen der Pflanzen“ finden Sie im Pflanzenheilkunde-Blog. Offenbar decken solch völlig überzogenen Versprechungen allerdings verbreitete Bedürfnisse. Dass sogar Drogerien und Apotheken auf dieses nebulöse Geraune hereinfallen, ist mehr als penibel und spricht nicht gerade für Fachkompetenz.

Da mir bisher kein Argument unter die Augen gekommen ist, das für eine solch niedrige Dosierung spricht, halte ich mit Nachdruck an einer mittleren Dosierung von 3mal 20 – 25 Tropfen täglich fest. Genau genommen müsste aber von Pflanze zu Pflanze differenziert werden. Für Weissdorn oder Mariendistel, zwei Flavonoid-Pflanzen mit guter Verträglichkeit und grosser therapeutischer Breite, würde ich beispielsweise noch höher gehen. Es braucht höchstwahrscheinlich bei diesen Pflanzen grosse Dosen. Und da Flavonoide rasch aus dem Organismus eliminiert werden, wäre die Verteilung der Tagesdosis auf 5 oder 6 Gaben noch optimaler.

Die meiner Ansicht nach hoch unseriösen Versprechungen des Ceres-Herstellers scheinen zur Folge zu haben, dass Tinkturen-Hersteller kaum mehr eine Dosis von zum Beispiel 3mal 20 – 25 Tropfen empfehlen können, weil dann die Käuferinnen und Käufer davon ausgehen, dass solche Präparate offenbar sehr schwach wirksam sein müssen, wo doch von den Ceres-Tropfen 3mal täglich 3 Tropfen reichen.

Ich halte das für eine Täuschung. Die Herstellungverfahren für Pflanzentinkturen unterscheiden sich zwar, doch halten sie sich bei Frischpflanzentinkturen in der Regel an die Eckwerte des Homöopathischen Arzneibuches (HAB). So unterschiedlich können die Ergebnisse gar nicht sein. Wenn jemand käme und sagen würde, meine Tinktur ist zweimal wirksamer als die Konkurrenz, würde ich antworten: Bringen Sie mir plausible Gründe dafür, überzeugen Sie mich mit fundierten Argumenten. Wenn aber jemand behauptet, er sei zehnmal besser als alle Konkurrenten, scheint mir das nur schon von der Dimension her eine Grössenphantasie zu sein. Ich halte es für an der Zeit, das sich die Naturheilkunde bzw. Pflanzenheilkunde ernsthaft mit dieser Verluderung in der Dosisfrage bei Pflanzentinkturen auseinandersetzt. Meines Erachtens gibt es durch diese Unterdosierungen Fehlbehandlungen, die ethisch nicht zu verantworten sind.

Es wird aber natürlich immer Leute geben, die sich nach 3mal 3 Tropfen Tinktur besser fühlen. Nur muss das noch nichts mit der Wirksamkeit des Präparates zu tun haben, wenn man berücksichtigt, dass jedes Medikament, ob pflanzlich, synthetisch homöopathisch oder sonst was, einen Placebo Effekt besitzt. Dieser ist deutlich grösser, je geheimnisvoll-raunend ein Mittel daher kommt. Und er ist auch grösser, wenn ich sage, pass auf, von diesem Mittel nimm ja nicht mehr als 3mal 3 Tropfen! Denn dadurch wird die Erwartungshaltung, die den Kern des Placebo-Effektes ausmacht, gesteigert.

Und es ist auch offen, wenn jemand von einer Besserung nach 3mal 3 Tropfen spricht, ob nicht der normale Verlauf der Beschwerden dafür verantwortlich ist, denn die meisten Krankheiten verschwinden wieder dank unserer Selbstheilungskräfte; oder ob es sich um eine der häufigen Schwankungen im Auf und Ab chronischer Leiden handelt.

Lassen Sie sich jedenfalls nicht einlullen von grossen Versprechungen mit kleinen Dosierungen.


Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
www.phytotherapie-seminare.ch
















Zuletzt geändert: Montag, 28. Juli 2014, 11:01