Kleine Einführung: Tinkturen - Stärken, Schwachpunkte, offene Fragen

Tinkturen haben als Zubereitungsform von Heilpflanzen eine lange Tradition. Verglichen mit den Ausgangswerten in frischen oder getrockneten Pflanzen sinkt die Konzentration an Wirkstoffen in den Tinkturen allerdings. Diese Reduktion muss mit einer genügend hohen Dosierung wieder ausgeglichen werden, sonst sinkt der Wirkstoffgehalt gegenüber dem Kräutertee stark ab.

Im wässrigen Tee lösen sich vor allem die wasserlöslichen Wirkstoffe optimal, fettliebende Wirkstoffe dagegen nur begrenzt. Ein Vorteil der Tinkturen gegenüber den Kräutertees besteht darin, dass sich in ihrem Alkohol/Wasser-Gemisch wasserlösliche (hydrophile) und fettlösliche (lipophile) Wirkstoffe gut aus den Heilpflanzen lösen. Bei der Herstellung von Tinkturen braucht es keine grossen technologischen Eingriffe, weshalb sie einen noch relativ "naturnahen" Ruf haben. Durch ihren Gehalt an Alkohol werden Tinkturen zudem auf natürliche Art konserviert.

Rund um die Tinkturen stellen sich aber auch eine Reihe von offenen Fragen:
- Es gibt sehr unterschiedliche Herstellungverfahren. Welches davon ist am besten und wie lässt sich das beurteilen?

- Tinkturen werden aus Frischpflanzen oder aus getrockneten Pflanzen hergestellt. Welche Variante ist wirksamer und warum?

- Die Dosierungsempfehlungen für Tinkturen unterscheiden sich stark und machen zum Teil einen ziemlich willkürlichen Eindruck. Wie lässt sich die passende Dosierung finden?

- Tinkturen enthalten Alkohol. Entsteht dadurch ein Problem?

- Weil die Herstellung von Tinkturen eine so lange Tradition besitzt, gibt es in diesem Bereich kaum wirklich bedeutsame neue Erfindungen. Darum gibt es auch keine Patente, die für das Endprodukt relevant sind (eine Firma, welche sich in dieser Hinsicht als einzigartig darstellt, gibt es aber schon....).

Die fehlende Patentierbarkeit der Tinkturen ist zudem mitverantwortlich dafür, dass es in diesem Bereich nur wenige Studien gibt, welche die Wirksamkeit belegen. Denn Studien mit Patienten kosten viel Geld. Und dieses Geld wird nur investiert, wenn die Ergebnisse der Studie ausschliesslich dem eigenen, patentierten Produkt zugute kommen. Deshalb gibt es im Bereich der Phytotherapie vor allem Studien für Extraktpräparate. Die Herstellungsverfahren für Extrakte sind komplexer und lassen sich leichter patentieren. Wie aber lassen sich die Wirksamkeit und Sicherheit von Tinkturen beurteilen?

Im Raum der Tinkturen werden wir versuchen, solche Fragen aus unterschiedlicher Perspektive zu beleuchten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie, Winterthur
www.phytotherapie-seminare.ch



Zuletzt geändert: Montag, 28. Juli 2014, 11:01