Kurzmeldungen aus der Baldrian-Forschung:

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Phytotherapie: Baldrian verbessert Schlafqualität

Zahlreiche schlafgestörte Menschen versuchen mit frei verkäuflichen Mitteln in den Schlaf zu finden. Extrakte aus der Baldrianwurzel sind beliebt und werden in der Selbstbehandlung oft angewendet. In einer aktuellen Metaanalyse zeigten sechs Baldrian-Studien eine signifikante Verbesserung der Schlafqualität. Patienten mit Baldriantherapie wiesen eine um 80 Prozent erhöhte Chance auf, über einen verbesserten Schlaf zu berichten als Patienten mit Plazebobehandlung.
Univ.-Prof. Dr. Heinz F. Hammer von der Medizinischen Universität Graz verweist in der Medical Tribune Nr. 43 / 2009 auf diese Metaanalyse und zieht das Fazit:

„Baldrian verbessert die Schlafqualität. Baldriandosierungen, Präparate und Dauer der Behandlung variierten allerdings in den Studien stark.“

Er weist auf die weite Verbreitung von Schlafstörungen und die damit verbundenen Kosten hin und regt an, dass grössere Studien von besserer Qualität die Wirksamkeit von Baldrian genauer untersuchen.

Quelle:
www.medical-tribune.at, Medical Tribune Nr. 43 / 2009,

Quelle der erwähnten Metaanalyse:
S. Bent et al., The American Journal of Medicine 2006; 119: 1005 – 12

Kommentar & Ergänzung:

Prof. Hammer weist hier auf eine häufig auftretende Schwierigkeit in der Phytotherapie-Forschung hin: Weil grosse Unterschiede bestehen zwischen den untersuchten Baldrian-Präparaten sind die Forschungsresultate nicht so einfach zu vergleichen, zu deuten und zu bewerten. Aber trotz diesen Einschränkungen ist Baldrian die am besten dokumentierte Heilpflanze bei Schlafstörungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
www.phytotherapie-seminare.ch

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Baldrian enthält wirksames Anästhetikum

Wiener Wissenschaftler identifizierten Valerensäure als maßgeblichen Inhaltsstoff.

Den einschläfernden Effekt von Baldrian nahm ein Team der Universität Wien unter die Lupe. Dabei erwiesen sich Valerensäure und GABAA-Rezeptoren als zentrale Faktoren.

Forscher der Universität Wien veröffentlichten in der Fachzeitschrift „Neuropharmacology“ wesentliche Erkenntnisse des Wirkungsmechanismus von Baldrian (Valeriana officinalis). Die sedativen Eigenschaften von Baldrian-Extrakten werden in der Phytotherapie bzw. Pflanzenheilkunde schon lange geschätzt. Vor allem bei Unruhe- und Angstzuständen gilt Baldrian daher als „pflanzliches Hypnotikum“.

Baldrian-Wirkung an GABAA-Rezeptoren gezeigt

Zu Beginn der Zusammenarbeit zwischen einem Team um Prof. Dr. Steffen Hering, Leiter des Departments für Pharmakologie und Toxikologie, und Prof. Mag. Dr. Brigitte Kopp, Vorstand des Instituts für Pharmakognosie der Universität Wien, stand die Erkenntnis, dass Baldrian-Extrakte eine hohe Aktivität an GABAA-Rezeptoren entfalten. Die Dissertantin Sophia Khom wurde schlussendlich fündig bei der Valerensäure, einem aus Baldrian-Extrakten isolierten Wirkstoff. Khom erforschte daraufhin den molekularen Angriffspunkt der Valerensäure am GABAA-Rezeptor. Sie stellte fest, dass die Reinsubstanz nicht am Rezeptor von Valium® ansetzt, sondern dort, wo auch die Injektionsanästhetika einwirken.

Valerensäure zeigt vergleichbare Wirkung wie Anästhetika

Anästhesie bedeutet "die Nicht-Empfindung", das heisst das Ausschalten des Nervensystems. Anästhetika mit ähnlicher Wirkung wie Valerensäure schalten zwar nicht die Empfindungen ab, entfalten dafür jedoch eine stark Schlaf fördernde Wirkung. Sie werden darum in Kombination mit Schmerzmitteln vor Operationen intravenös verabreicht, um Patienten rasch in einen Tiefschlaf zu versetzen.
Die Valerensäure schaltet nun ebenfalls nicht die Empfindungen ab und zeigt zugleich eine stark sedierende Komponente.

Sophia Khom prüfte die Wirkung der Valerensäure an verschiedenen GABAA-Rezeptoren-Typen. Der Baldrian-Bestandteil entfaltete bei jenen Rezeptoren eine besondere Wirksamkeit, an denen auch die Anästhetika ansetzen. Wurden diese Angriffspunkte mithilfe molekularbiologischer Methoden manipuliert (Aminosäuren ausgetauscht; d.h. Mutationen gesetzt), blieben die Anästhetika wie z.B. Etomidat und Propofol ebenso wirkungslos wie die Valerensäure.

Valerensäure-Menge im Gehirn noch unklar

Die Valerensäure ist laut US-amerikanischen Studien nach der Verabreichung von Baldrian-Extrakten im Blutplasma nachweisbar. Die Menge der Valerensäure, die auch das Zentrale Nervensystem erreicht und beeinflusst, konnte allerdings noch nicht erforscht werden. Die Universität Wien verspricht aber die Untersuchungen fortzusetzen. Immerhin konnte nun nach jahrhundertlanger Nutzung von Baldrian als schlaffördernde Heilpflanze jene Substanz ermittelt werden, die für diese Wirkung verantwortlich ist.

Quelle:
Pressemitteilung der Universität Wien
Ärzte Woche, 21. Jahrgang Nr. 23, 2007

Kommentar & Ergänzung:
Diese Forschungen an der Universität Wien sind interessant und dürften relevant sein für die Wirksamkeit von Baldrian. Allerdings erweckt die Mitteilung etwas den Eindruck, dass nun der Inhaltsstoff gefunden wurde, welcher für die Baldrian-Wirkung verantwortlich sei. Da wäre ich noch etwas vorsichtig. Heilpflanzen sind Vielstoffgemische und es ist gut möglich, dass noch weitere Wirkstoffe am schlaffördernden Effekt von Baldrian-Extrakt mitbeteiligt sind.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
www.phytotherapie-seminare.ch

Zuletzt geändert: Montag, 28. Juli 2014, 11:01