Johanniskraut-Extrakt gleich wirksam wie Citalopram und besser als Placebo

Die Wirksamkeit von Johanniskraut-Extrakten bei mittelschweren Depressionen wurde, so Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller, Klinik für Psychiatrie München, durch Studien und eine Meta-Analyse (1) bestätigt.

Bei leichten bis mittelschweren Depressionen zeigte sich der Johanniskraut-Extrakt STW 3-VI in einer Studie gegenüber dem Standard-Antidepressivum Citalopram als gleichwertig und gegenüber Placebo als überlegen.

Johanniskraut-Spezialextrakt versus Citalopram:
Der Johanniskraut-Extrakt STW 3-VI (Laif® 900) zeigte sich bei mittelschwerer Depression als ebenso wirksam wie der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Citalopram und als besser verträglich. Dies ergab eine randomisierte placebokontrollierte Doppelblindstudie mit 388 Patienten (2).

Die Probanden erhielten sechs Wochen lang entweder einmal täglich 900 mg Johanniskraut-Extrakt STW 3-VI, 20 mg Citalopram oder Placebo.

In beiden Verumgruppen – also unter Citalopram und unter Johanniskraut-Extrakt - zeigte sich ein signifikanter Behandlungserfolg.

Das Hauptzielkriterium zur Beurteilung der Wirksamkeit war der Hamilton-Depressions-(HAMD)-Score (Items 1-17).

Bei nahezu identischen Ausgangswerten (STW 3-VI: 21,9; Citalopram: 21,8; Placebo: 22,0) reduzierte sich der HAMD-Score nach sechs Wochen bei STW 3-VI und Citalopram auf 10,3.

Unter Placebo konnte nur eine Reduktion auf 13,0 Punkte erreicht werden.

Dabei war sowohl die Testung auf Nicht-Unterlegenheit (non-inferiority) von STW 3-VI gegenüber Citalopram als auch die Überlegenheit im Vergleich zu Placebo signifikant. Dabei war der Johanniskraut-Extrakt deutlich verträglicher als der SSRI Citalopram: 17,2 versus 53,2 Prozent der Teilnehmenden zeigten Nebenwirkungen.

(Quelle: www.pharmazeutische-zeitung.de)
Zusammenfassung:
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde (Nov. 2009)
www.phytotherapie-seminare.ch

(1) Linde et al. 2008, Cochrane Review „Meta-Analyse zum Wirksamkeitsnachweis von Johanniskrautextrakt bestehend aus 29 Studien mit knapp 5500 Patienten, Indikation Major Depression“, http://www.cochrane.org/reviews/en/ab000448.html

(2) Gastpar, M., Bässler, D., Zeller, K. Phytopharmaka und Phytotherapie 2004, Forschung und Praxis, 84

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Bei Depression Johanniskraut auch als erste Therapie

Johanniskraut wird in die S3-Leitlinie aufgenommen. Wirksamkeit und Verträglichkeit konnten im letzten Jahr in einem Cochrane-Review belegt werden.

"Zur Behandlung einer akuten mittelgradigen depressiven Episode soll Patienten eine medikamentöse Therapie mit einem Antidepressivum angeboten werden." Diese Empfehlung wird in der neuen "S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie zur unipolaren Depression" stehen.

Und darüber hinaus wird die S3-Leitlinie festhalten: "Wenn bei leichten oder mittelgradigen Episoden eine Pharmakotherapie erwogen wird, kann bei Beachtung der spezifischen Nebenwirkungen und Interaktionen ein erster Therapieversuch auch mit Johanniskraut unternommen werden."

Johanniskraut-Extrakte werden damit in eine Reihe mit synthetischen Antidepressiva gestellt oder ihnen sogar vorangestellt. Sie verdanken dies ihrer guten Wirksamkeit und Verträglichkeit. Beides konnte 2008 in einem Cochrane-Review nachgewiesen werden, welcher 18 placebokontrollierte und 17 verumkontrollierte klinische Studien mit Johanniskrautpräparaten umfasste. Die Studien dauerten 1 bis 3 Monate und schlossen insgesamt fast 5500 Patienten mit "major depression" ein.

"Die Johanniskraut-Präparate waren Placebo eindeutig überlegen", erklärte Professor Hans-Jürgen Möller bei einer Veranstaltung des Phytopharmaka-Herstellers Steigerwald. Sie hätten eine ähnliche Wirkung wie synthetische Standard-Antidepressiva, würden aber besser toleriert. Das zeigte sich auch an den Drop-out-Raten der Studienteilnehmer: Bei den modernen Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) waren sie zweimal, bei den älteren Antidepressiva sogar viermal so hoch wie bei Johanniskraut-Präparaten.

"Johanniskraut ist in Dosierungen für Patienten mit mittelschweren Depressionen seit April verschreibungspflichtig", sagte der Experte aus München. "Aber nur, weil diese Patienten in ärztliche Betreuung gehören."
Die neue S3-Leitlinie soll beim DGPPN-Kongress Ende November in Berlin präsentiert werden.

Quelle:
http://www.aerztezeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Der Sprung von Johanniskraut-Extrakten in die S3-Leitlinie ist zweifellos ein Erfolg für die Phytotherapie-Forschung.
Von allen Heilpflanzen ist Johanniskraut wohl am besten wissenschaftlich dokumentiert. Das gilt jedoch nicht für Johanniskraut als Tee oder Tinktur, sondern nur als Extrakt. Alle relevanten Studien wurden mit Johanniskrautextrakt-Präparaten durchgeführt. Damit ist noch nicht gesagt, dass Johanniskraut-Tee oder Johanniskraut-Tinktur keinerlei Wirkung haben. Es fehlen dazu jedoch jegliche Belege.

Laut obiger Meldung auf www.aerztezeitung.de und auch laut Informationen aus der Phytotherapie-Fachpresse sind die wirksamen Johanniskraut-Präparate in Deutschland verschreibungspflichtig geworden, jedenfalls bei der Indikation „mittelschwere Depression“.

In der Schweiz sind hingegen auch bezüglich Wirksamkeit und Verträglichkeit gut belegte Johanniskraut-Extrakte erhältlich, die rezeptfrei in Apotheken bezogen werden können. Weil Drogerien solche Präparate nicht mehr verkaufen dürfen, werden dort häufig stattdessen homöopathische oder spagyrische Johanniskraut-Zubereitungen empfohlen. Dazu muss jedoch im Sinne des Konsumentenschutzes festgehalten werden, dass für solche Produkte jeder Beleg für eine Wirksamkeit fehlt.

Was sind S3-Leitlinien?
Leitlinien sind systematisch entwickelte Darstellungen und Empfehlungen, deren Zweck es ist, Ärzte und Patienten bei Entscheidungen über angemessene Maßnahmen der Krankenversorgung (Prävention, Diagnostik, Therapie, Nachsorge) unter spezifischen medizinischen Umständen zu unterstützen. Leitlinien werden in drei Stufen unterteilt, wobei S3 die höchste Stufe ist. Dabei fliessen Expertenmeinung und systematisch in Studien gewonnene Erkenntnisse in die Erarbeitung mit ein. Gegenwärtig existieren 678 Leitlinien, 53 davon sind S3-Leitlinien.

Leitlinien geben den Stand des Wissens (Resultate von Kontrollierten Klinischen Studien und Wissen von Experten) über effektive und angemessene Krankenversorgung zum Zeitpunkt der "Drucklegung" wieder. Als Folge der unausbleiblichen Fortschritte wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Technik braucht es daher periodische Überarbeitungen, Erneuerungen und Korrekturen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
www.phytotherapie-seminare.ch
(Nov. 2009)
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Zuletzt geändert: Montag, 28. Juli 2014, 11:01